20121130

Wie wir den Glauben rocken!


Künster: Cosmo Sarson.


Neulich, da gab es eine Welturaufführung in Hellerau, im Europäischen Zenrtum der Künste. Das Stück ist eine Fortführung einer ersten Fassung und nennt sich demnach "XGebote Teil II". Diese Welturaufführung war starker Tobak - für Christen, oder sagen wir besser: für Gläubige. Denn die Gläubigen sehen sich einer Schar Ungläubiger gegenüber, die Fragen stellen. Unbequeme Fragen. Die Schar der Ungläubigen - sie wird nicht größer, aber Sie wird lauter, abgesichts eines ignoranten Religionsterrors, dem die Ungläubigen immer unvermeidlicher gegenüber sehen. Denken wir nur an die Mohammed Karrikaturen, denken wir an die Kruzifix oder Beschneidungsdebatte, denken wir an das Mohammed-Video, denken wir an verbotene Theaterstücke, denken wir an Belfast, denken wir an Gaza. Ok, alles Menschenwerk; doch was ist mit der treibenden Kraft? Was ist mit den Moralvorstellungen, die Gläubigen den Ungläugigen gegenüber durchzusetzen versuchen? Was ist mit den Ächtungen, denen mit sich besonders Ungläubige konfrontiert sehen?

Umso notwendiger ist es, dass es Menschen gibt, die den Ungläubigen, den Atheisten, eine Stimme geben und all die Fragen stellen, die politisch unkorrekt, aber im Disput um Glauben notwendig sind.

Genau das tut das künsterlische Projekt Norton.Commander.Productions.

Im Stück wird ein Disput über die Grundlage der europäischen Glaubens- und Kirchengeschichte geführt. Norton.commander.productions. hat die scharfkantigsten Vertreter der deutschen Performance-Szene versammelt. Im zweite Teil ihres Projektes X GEBOTE beschäftigen sie sich mit der Frage nach der Existenz Gottes. Es beginnt als philosophische Lecture, läuft jedoch bald aus dem Ruder. Kleine Szenen des Scheiterns wechseln mit Berechnungen über die Vorteile für Beruf und Karriere beim Besuch eines katholischen Gymnasiums. Ist "Gott" eine höhere Autorität? Eine, die für ein stabiles Wertesystem sorgt? Deren Abwesenheit moralisches Chaos und ethischen Relativismus zur Folge hat? Oder eine es eine selbstbetrügerische Illusionsmaschine? Eine Bank mit unbegrenztem Kredit, solange man daran glaubt? Jedes Mittel ist den Performern für den Beweis ihrer Thesen recht. Als militärische Wohlstandsapostel und als prophetische Fruchtbarkeitstänzer sowie als nüchterne Naturwissenschaftler kämpfen Sie um den Sieg der eigenen Meinung.


Demnächst zu sehen in Frankfurt. Tickets hier. Hingehen! Sehen!



Konzept, Regie: norton.commander.productions. * Mit Hermann Beyer, Irm Hermann, Otmar Wagner, Angie Reed, Gregor Biermann, Ole Wulfers, Mark Boombastik, Jörn Burmester, Nikolaus Woernle, Noel Lode, Veit Sprenger * Produktion: norton.commander.productions. * Koproduktion: Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste Dresden, Forum Freies Theater Düsseldorf; Künstlerhaus Mousonturm und WUK Wien * Gefördert durch: Fonds Darstellende Künste - Dreijährige Konzeptionsförderung aus Mitteln des Bundes, NPN, Kulturamt der Stadt Dresden, Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank.

20120912

Massentaugliches Unterhaltungs-Gehüpfe im "White Bouncy Castle"

Eurphorisches Hüpfen mit Beigeschmack in Hellerau
Ein weißes Schloss; innen eine Bahn von fast vierzig Metern - das Kunstzentrum Hellerau hat seine Besucher eingeladen, Teil der Installation "White Bouncy Castle" zu sein. Hoch umschließt die Burg ihr Hüpfgelände, das Weiß strahlt eine surreale Kälte aus, der grollende Hintergrundsound erinnert eher an Horrorszenen als an spaßige Kindermusik. Die Besucher stürzen sich freudig ins hüpfende Getümmel. Erwachsene freuen sich, zusammen mit ihren Kindern den Hüpfspaß zu erleben. Sie tanzen, sie jauchzen, springen gegen Wände und laufen hüpfend die Bahn auf und ab.

Doch - in an der Wand sitzt ein dreijähriges Kind, dem die Atmosphäre Angst macht: das kalte Weiß, die drohende Soundkulisse, die hüpfverrückten Leute - all das verleiht der Burg eher den Charme einer zu groß geratenen Gummizelle.  Vergnügen und Wahnsinn gehen Hand in Hand. 

Vielleicht war das Kind der einzig aufmerksame Kunstrezipient an diesem Ort.

  
"White Bouncy Castle" ist ein Gemeinschaftsprojekt von Dana Caspersen, William Forsythe und Joel Ryan

20120908

Moderne Kirchen-Kultur während der Documenta in Kassel


Intensiver Blick, definierter Torso: Ein Werk von atemberaubender Schönheit. Ein Adonis, der dem Gelde entwachsen scheint und sich wieder in diesem auflöst.
Eins Vorweg: Der Autor ist bekennender Atheist und hat auch vor, ein solcher zu bleiben. Und nein, ich bin nicht schwul, - was übrigens völlig wertfrei gemeint ist. Dies ist also kein religiöser Erweckungsruf; nein, es ist viel mehr: Es ist die Freude darüber, dass die moderne Kirchengemeinden Sankt Elisabeth in der Lage ist, tatsächlich Mut zur Kontroverse zu zeigen. Ein populäres Medienecho erfuhr die Gemeinde im Rahmen der Documenta 13 in Kassel. Das Bild der Holzfigur mit ausgebreiteten Armen, wie auf der Spitze des Kirchturmes steht, ging um die Welt. Es ist ein Werk des Künstlers Stephan Blankenhol, der just zeitgleich zur Documenta 13 in Kassel seine Ausstellung in der Kirche Sankt Elisabeth ausstellt. Ein kleiner Skandal, gehört doch der Künstler nicht zum offiziellen Kunstkanon der Documenta. Besucher stoßen also nur zufällig auf diese kleine kostenlose Ausstellung im Zentrum Kassels; diese jedoch gehört zweifellos zu den Höhepunkten des Documenta-Besuchs; auch wenn eben Stephan Blankenhol mit keiner Silbe in den Documenta-Unterlagen erwähnt wird.

Die Ausstellung zeigt mehrere Holzplastiken, die funktional im Gotteshaus eingerichtet wurden. Wie sonst üblich in der katholischen Kirche: Nackte müssen draußen bleiben, auch wenn es sich dabei nur um eine Holzfigur handelt. Dies tut dem Arrangement keinem Abbruch. Bedeutungsschwer blicken die Figuren; spannende Kompositionen; Neues auf traditionellen Plätzen; ein passives Kreuz, was aus 4 aktiv raumverdrängenden Platten geformt wird, aus denen Augen-Blicke uns treffen; Maria als fesche Brünette im figurbetonten Kleid; und viele mehr! All diese Dinge erwartet man überall, nur nicht in einer katholischen Kirche! Die Gemeinde beweist Mut und Kunstsinn; sodass selbst ich, der überzeugte Atheist, voller Begeisterung annerkennend und demütig meinen Hut ziehe.


Stephan Blankenhols überlebensgroßes (5,70m !)  Meisterwerk von 2009 "Sempre più..." aus Zedernholz. Passt irgendwie zu einer katholischen Kirche, wie es Sankt Elisabeth doch ist, da diese Plastik beinahe homophobe Gefühle weckt.


All-ansichtig bleibt diese Komposition zweier Platiken hochspannend, da im Besucher beim Umgehen des Werk zahlreiche bedeutendschwere Assoziationen geweckt werden. Der Titel dieses Werks von Stephan Blankenhol wirkt dagegen fast zu schlicht: "Großer Kopf und männliche Figur", ja, was sonst, würde doch jeder andere Titel die Assoziationskraft des Besuchers vernichten. Würde das Werk z.B. "Freunschaft" heißen oder "Ich", - wie viel würde es an Kraft verlieren? 

Schuss und Gegenschuss, wer blickt auf wen? Ich auf mich? Gegenwart auf Vergangenheit?

Kapellfigur der Sankt Elisabeth von Stephan Blankenhol


Menschliche Relief-Figuren ganz in der kirchlichen Tradition: die Heiligen im Stile des Gegenwartsmenschen. Warum nicht? Wurde nicht schon zuvor Maria in einer antiken Tunika, in einem gothischen Gewand und in barocker Pracht-Montur dargestellt?

Bilder-Komposition über dem Altarbild der Kirche Sankt Elisabeth. Ansicht von der höchsten Stufe der Galerie.